Das Herz meines Coachings

Das Herz meines Coachings

Die wenigsten Menschen haben wirklich die Überzeugung verinnerlicht, warum sie das tun, was sie tun. Tatsächlich glauben die meisten, dass sie wissen, warum sie etwas tun. Das ist ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied. Er entscheidet auch über die Zufriedenheit im Leben.

Ich habe eine tiefe und unerschütterliche Einstellung, dass jeder, der die Grundsätze über sein Tun und Werk bewusst erforscht – und das muss man selbst machen, das kann und sollte einem keiner abnehmen  - sich daraus eine Klarheit für Bereich entwickelt, die ihn und die Menschen, mit denen er zu tun hat, deutlich besser voranbringt als jede Marktforschung, eine Produkt- oder Dienstleistungsoptimierung oder Zielgruppenanalyse. Dies stellt – wenn die Prinzipien verinnerlicht sind – für mich lediglich eine banale strategische Komponente dar.

Es gibt für meine Art mit Menschen zu arbeiten fünf wichtige Grundprinzipien, die aus verschiedenen psychologischen, philosophischen und spirituellen Ansätzen inspiriert sind. Diese Prinzipien sind philosophische Konzepte meines Selbstverständnisses als Coach, quasi das Herz dessen, wie ich mit Menschen arbeiten möchte. Auf diesem beruhen dann weitere Richtlinien, Einstellung, Verhalten, Handlungen und Methoden, beziehungsweise unterstützen diese meine Arbeit. Prinzipien mögen zuerst abstrakt sein und hinreichend viel Interpretationsspielraum und Implikationen beinhalten, jedoch sind sie ein roter Faden, der durch Erfahrung und Anwendung, durch Neugierde und Forschen zu Form, Wissen und Inhalt werden. Sie sind lebendig und atmen. Integriere ich diese Prinzipien in mein Leben und Arbeiten, sollten sie dann auch Mühelosigkeit und eine gewisse Leichtigkeit in meine Arbeit bringen und unbewusstes und absichtsloses Handeln fördern; im Daoismus bereits seit Jahrtausenden als das Prinzip „Wu Wei“ bekannt (Ernst Schwarz, 1995).

Einheit und Veränderung in Abhängigkeit

Dieses auf Holismus und Systematik beruhende Prinzip besagt, dass nichts unabhängig besteht und sich alles deswegen in ständiger Veränderung befindet. Alles Ganze besteht aus Teilen und alles wirkt auf alles – dies gilt für das ganze Universum, und damit auch für den in seine Umwelt integrierten und mit ihr interagierenden Menschen. Dieser ist als ein System auf verschiedenen Ebenen (körperlich, geistig, psychisch) zu verstehen, dass wiederum in verschiedenste Systeme eingebettet ist, die sich alle untereinander beeinflussen und miteinander in einem Beziehungsgeflecht und intensives Kommunikation aus Ursache und Wirkung auf allen Ebenen verbunden ist. Im Buddhismus wird dieses Prinzip von Ursache und Wirkung und die damit einhergehende Veränderung als zentraler Aspekt der philosophischen Grundlage betrachtet (Tenzin Gyatso 2015). 
Im Coaching bedeutet das nichts Geringeres, als dass es nicht das eine Problem oder die eine soziale Ebene gibt, welche herausgelöst für sich betrachtet wird, sondern es muss immer angenommen werden, dass Wirkungen vieler Ursachen auf verschiedenen Ebenen existieren. Es muss also der Mensch und seine Umwelt, in der er agiert, im Ganzen betrachtet werden und damit Veränderung als ein natürlicher Zustand akzeptiert werden.

Gewaltlosigkeit

Der Mensch und alle seine körperlichen, geistigen und seelischen Ebenen wie auch das Universum streben nach Gleichgewicht. Dies ist ein ganz natürliches Phänomen: der Mensch möchte ausgeglichen und damit glücklich sein und hat - ohne jede Ausnahme - dieses auch verdient. Treten aber Störungen auf, sind diese dann auftretenden Widerstandsformen Manifestationen der Versuche beteiligten Ebenen, Elemente oder Teile, wieder ein Gleichgewicht herzustellen.
Gegen diese Blockaden zu arbeiten oder diese zu ignorieren hieße also, Gewalt anzuwenden, zu viel Energie in ihrer Bekämpfung zu verbrauchen, um damit Widerstände und damit das Ungleichgewicht unweigerlich zu verstärken - um dann noch mehr Energie zu verbrauchen. Zeigt ein Klient Blockaden im Entwicklungsprozess, müssen diese klar analysiert und bewusst gemacht werden, um die Entwicklung voranzubringen. Jeder Widerstand zeigt eine Polarisierung, Widerstände sind das Kernmaterial, mit dem im Coaching gearbeitet wird. Widerstände und Blockaden anzunehmen und mit offenen Armen willkommen zu heissen, um sie dann auflösen zu können - das erfordert Mut, ist aber letztlich der erfolgreichere Weg.
Gewaltlosigkeit ist aber auch darin zu üben, dass der Klient zu nichts gedrängt werden und der Prozess des Coachings fließen darf. Fühlt sich etwas nicht leicht an, ist es nicht richtig. Ich habe als Coach das Vertrauen in den Klienten, dass er die Lösung in sich trägt und diese zu seinem Wohle einsetzen kann. Ich sehe mich hier auf Augenhöhe mit dem Klienten, quasi in einer antiautoritären Beziehung zu ihm. Coaching ist keine Beratung.

Innere Achtsamkeit

Diese Art der Haltung dient dem Klienten und auch dem Coach dazu, sich innerlich kennenzulernen, um dann nach und nach die Möglichkeit der inneren und äußeren Steuerung zu erlernen und anzuwenden. Nach innen gerichtete Achtsamkeit ist vorurteilsfrei, beobachtend, nicht wertend, annehmend und ist grundsätzlich auf die gegenwärtige Erfahrung und den jetzigen Ist-Zustand gerichtet – „was fühle ich wenn ich daran denke, dass…“.
Mit dieser Haltung können Muster, Blockaden, Polarisierungen auf intensive Art erlebt, erfahren und erkannt werden, um sie dann aufzulösen und neue Wege zu finden.
Dies gilt wie erwähnt nicht nur für den Klienten, sondern auch für den Coach, der nicht nur die Achtsamkeit des Klienten wecken und fördern soll, sondern auch auf sich achten sollte, um jederzeit den Prozess reflektieren und steuern zu können. Dies erfordert aber bestimmte Voraussetzungen wie Langsamkeit des Prozesses, Innehalten und Neugierde, Offenheit und viel Geduld auf beiden Seiten.

Es ist wie es ist

Ein guter Freund hat zu mir mal gesagt: „Gerade herrscht draußen genau das Wetter, das ich mir gewünscht habe. Denn auch wenn ich es nicht wollte, wäre es trotzdem da. Und so bin ich zufriedener.“
Akzeptanz dessen, wie sich Dinge und Situationen im Augenblick tatsächlich darstellen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, Ansätze für eine Veränderung zu finden. Dies erscheint auf den ersten Blick logisch, jedoch liegt es in unserer kulturell-soziologischen Prägung viel Konfliktstoff darin: denn erst die Nicht-Akzeptanz wird als Antrieb für eine Weiterentwicklung verstanden und in aller Regel betont – „Ich will das nicht, also muss ich etwas ändern!“. Das ist jedoch erst der zweite Schritt. Der Ist-Zustand muss erst intensiv erfahren und verstanden und mit offenen Armen angenommen werden. Ignorieren oder gar Verneinen ist kontraproduktiv und Widerspricht auch dem Prinzip der Gewaltlosigkeit.

Die Würde

Auch wenn ich hier keine Reihenfolge in der Aufzählung habe oder glaube, dass alle Prinzipien gleichwertig sind: dieses liegt mir besonders am Herzen. Die Würde des Menschen und seiner Umwelt ist für mich der absolute innere Kompass, nachdem mein Handeln (nicht nur) innerhalb des Coachings ausgerichtet ist - und damit auch eine Frage meiner eigenen Würde. Ist man seiner Würde bewusst – und das bedeutet auch seines Selbst bewusst zu sein, besonders innerhalb des Ziels des Coachings – hat man ein natürliches Selbst-Verständnis gewonnen und ist nicht mehr verführbar (Gerald Hüther, 2018). Ein Großteil der menschlichen Konflikte lassen sich auf Verletzungen dieses Selbstverständnisses, nicht als Objekt behandelt werden zu wollen oder andere so zu behandeln, zurückführen. Hat man die Würde seiner Umwelt erkannt, ist es nicht mehr möglich, diese bewusst und mit Absicht verletzen zu wollen – man würde sich selbst verletzen. Denn – und hier schließt sich der Kreis zum ersten Prinzip – alles existiert in Abhängigkeit vom allem.

Natürlich sind diese Prinzipien nicht für sich alleine stehend und unterstehen immer einer Veränderung – gemäß dem ersten Prinzip sind sie voneinander abhängig und beeinflussen sie sich gegenseitig. Sie sind sicherlich auch nicht vollständig und werden es nie sein, denn auch meine Entwicklung als Coach unterliegt diesen Prinzipien. Alles ist im Fluss und alles verändert sich. 
Ich betrachte diese aufgeführten Prinzipien aber als so fundamental, dass ich sicher bin, dass diese im Kern zentrale Bestandteile meines dem Menschen und seinen Bedürfnissen zugewandtem Coaching bleiben werden.