Der Blog von Karl Michael Schölz | Schölz Coaching

Leben Sie schon oder sind Sie perfekt?

Perfektionistisch zu sein ist eine der am häufigsten genannten Eigenschaften in Bewerbungsgesprächen, wenn man fragt, welche Schwächen der Bewerber denn habe. Ganz davon abgesehen, dass die Frage in ihrer Vorhersehbarkeit absolut nichts Wesentliches über den Bewerber herausbringen kann, ist die Antwort mit dem Perfektionistentum darauf eigentlich ebenfalls ausgelutscht und hochgradig problematisch.

Denn eigentlich glaubt der Antwortende, dass dies ein Zeichen für Stärke ist und dass ihm diese Antwort zum Vorteil gereichen sollte. »Perfektionistisch? Aber hören Sie mal, das ist doch genau das was wir suchen!«

Nein. Es ist weder ein Zeichen von Stärke noch das, was man suchen sollte.

In vielen Kulturen – auch in unserer - ist die Perfektion ein Zustand, der als absolut erstrebenswert gilt und dem man seine ganze Energie und Kraft widmen sollte. Das eigene Tun, die Leistung, man selber soll so perfekt sein, dass keine Kritik, keine Verbesserungen mehr notwendig sind. Die Vollkommenheit seiner Person als hehres Ziel. Selbstoptimierung bis zum Exzess. Wer nicht perfekt ist, ist fehlerhaft und zum Scheitern verurteilt. Dies ist absolut lebensfeindlich! Denn Perfektion ist nicht natürlich. Alles ist vergänglich, verschleißt sich, ist Veränderungen unterworfen. Wir werden nur von Frust, Schmerz, Anstrengung und Enttäuschung gequält, wenn wir diesen Fluss des Lebens anhalten wollen.

Wenn die selbstdefinierte Perfektion einmal vielleicht vorhanden ist, dann sie ist immer nur für einen Moment gespeichert. Man sehe sich nur die ganzen Posts von Erfolg und Reichtum in den sozialen Medien an. Ein kurzer Moment, in Pixel gespeichert. Die Realität, das Fließen der Zeit ist hier störend, denn sie würde den erreichten, scheinbaren Zustand nur einer Prüfung unterziehen, die diesen ad absurdum führen würde – und damit unrealistisch werden lassen.

Perfektion ist gefährlich, denn diese kann nur durch Schein statt Sein erreicht werden, es ist ein Gedankenkonstrukt, geboren aus Unsicherheit und fehlender Selbstanerkennung. Und dieses Gedankenkonstrukt führt deswegen zu noch tieferen psychischen Problemen. Unsere Leistungsgesellschaft fordert harte Arbeit, der Status, Reichtum und Erfolg bringen muss – hast du was, dann bist du was. Diese Äußerlichkeiten werden unweigerlich mit unserem eigenen Ego verbunden, einem Ego, das oft tief verletzt ist, verletzlich bleibt und nie eine Chance hat.

Ein Yogalehrer hat mich einmal gefragt: »Michael, wenn Du alles hast, was Du Dir wünscht, wenn Du ein perfektes Leben hast, was willst Du dann noch vom Leben, was soll es Dir denn noch schenken dürfen?« Wir schalten mit dem Streben nach Perfektion unser Leben aus. Wir verbannen die Freude, die Selbstliebe und die Nächstenliebe, das Staunen über die kleinen Dinge und die Dankbarkeit aus unserem Sein und Tun. Wir verlieren die Fähigkeit, im Leben präsent zu sein, den Moment zu genießen. Denn da könnte ja noch etwas Besseres kommen.

Ich erinnere mich an einen Spruch meiner Mutter: »Ein perfektes Haus erregt den Neid des Teufels«. Wir lassen in dieser Suche nach Makellosigkeit all die negativen Dinge zu, die uns das Leben so schwer machen. Perfektionisten sind nur in einem perfekt: in Ihrem unersättlichen, niemals zu befriedigenden Streben nach Anerkennung und Zuneigung durch eigene Leistung und Erwartungserfüllung. Und dem Sammeln von psychischen Problemen wie Burnout, Depressionen, Angstzustände sowie körperlichen Reaktionen wie Essensstörungen und Herzkrankheiten. Man ist sich selbst nie genug – bis zum Kollaps.

Wir sollten das Streben nach Perfektion durch das Leben ersetzen und uns – anstatt nach Perfektionismus zu streben - mit der Frage beschäftigen, warum wir es eigentlich zulassen, dass unsere Fehler und Unzulänglichkeiten nicht als etwas Normales auf dem weg unserer Entwicklung gesehen werden. Wertschätzung zu zu geben und zu bekommen bedeutet sich und andere so anzuerkennen, zu vertrauen und sich selbst und anderen auf Augenhöhe zu begegnen. Absolut niemand ist ohne Fehler, Fehler sind Teil unseres Lernens. Fehler sind ein Grund zu feiern.

Das Leben und uns selbst zu feiern.

Karl Michael Schölz

 

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