Selbstausbeutung macht einsam. Und krank.

Selbstausbeutung macht einsam. Und krank.

„Meine Kollegin Müllerhuber (Name geändert) hat’s erwischt. Sie liegt jetzt auf der Intensivstation.“ sagt meine Frau. „Herzinfarkt. Kein Wunder, was sie sich alles zugemutet hat. Viel zu viel Firmenpolitik.“ Aha, so nennt man das auf Neudeutsch. Nicht mehr Mobbing und Selbstausbeutung.

Kollegin Müllerhuber ist Hauptabteilungsleiterin in einem großen deutschen metallverarbeitenden Betrieb, in dem die toxische Verdrängungsstrategie der eigenen Verletzlichkeit wie nicht selten in unserer Gesellschaft so fest verankert ist wie drastisch ausgelebt wird. Wo unbezahlte Überstunden zum Merkmal eines hart arbeitenden Managers gehören, der Dinge gerne im Griff hat, ein gutes Vorbild darstellt und allen zeigen muss, wie wertvoll man ist. Und wo ausgeteilt wird, um den eigenen Wert zu sichern. Und wer austeilt, muss auch einstecken können. Mobbing und Selbstausbeutung gehört zum guten Ton und wer daran zerbricht, geht halt. Manchmal mit den Füßen voraus. 

So hat auch Frau Müllerhuber dekompensiert. Im Urlaub, gleich am ersten Tag, ein Klassiker.

Es ist sicherlich richtig, dass es vor allem Männer sind, die diesem Unverletzlichkeitsmythos unterliegen, vor allem solche, die schon über eine gewisse Berufserfahrung verfügen und nun als Führungskraft sich noch einmal etwas beweisen müssen. Aber auch Frauen, deren Anteil in den oberen Etagen langsam aber stetig steigt, sind vor einer bestimmten Blindheit im Verbrauch der eigenen Ressourcen und Kräfte nicht gefeit. Wie das obige Bespiel zeigt. Wie ein riesiger Dinosaurier, der es irgendwie geschafft hat, der Auslöschung durch einen Asteroiden zu entkommen (vermutlich, weil er zu dumm war, das Konzept „Sterben“ zu begreifen) steht die eigene Ausbeutung der geistigen, körperlichen und seelischen Substanz als Merkmal der Überlegenheit und Leistungsfähigkeit fest auf dem Boden einer unsäglichen Firmenkultur, die immer noch weit verbreitet ist und sich jeglicher Vernunft wiedersetzt. Und ernährt sich immer noch durch die mediale und politische Überhöhungskultur von denjenigen, die es „geschafft“ haben. Aber die Kosten dafür, es „geschafft“ zu haben, sind extrem hoch. Und ihnen gegenüber stehen die vielen anderen Menschen, die gescheitert sind und nun als Beispiel für die eigene Überlegenheit und das Prinzip der Härte gegen sich selber herhalten müssen. Was oft vergessen wird: beide müssen hier verlieren, es gibt keinen „Gewinner“.

Totale Souveränität macht einsam!

Mit diesem unauslöschbaren Denken und Handeln des souveränen Herrschers seiner eigenen Welt kommt das Gefühl, keinen mehr zu brauchen, alles alleine zu schaffen, dass man von niemanden abhängig sein darf und volle Kontrolle benötigt. „Wenn man oben ist, wird es verdammt einsam!“. So sagte mal ein hoher Sportfunktionär zu mir einmal während eines Gespräches. Er beklagte die Tatsache, dass er keine Freunde in der Sportpolitik habe, nur Typen, die in anderen entweder jemanden sehen, der ihnen nutzt oder der ihnen schadet. Freund und Feind. Weiß oder Schwarz.  Die Objektivierung des Menschen, das ist ein zutiefst würdeverletzendes Konzept. 

Und das spürte mein Gesprächspartner. Er macht aber immer noch mit einer sturen Unbeirrbarkeit mit, die mich meinen Kopf schütteln lässt. Es ist wie bei Autorennen: er fährt Vollgas im Auto der Selbstüberschätzung und das Unterbewusstsein ist der Zuschauer, der eigentlich nur darauf wartet, bis endlich der spektakuläre Unfall passiert.

Wer sich bewusst abgrenzt oder ausgegrenzt wird – egal ob Politik, einer Firma oder anderem sozialen Konstrukt – dem wird dann letztendlich ein wesentliches, dem Menschen innewohnendes Bedürfnis genommen: soziale Verbundenheit, Kooperation, Vertrauen, Intimität, Liebe. Diese soziale Komponente verkümmert zusehend bis zum psychologischen und körperlichen Infarkt.

Gestörtes Gleichgewicht

Das bedeutet nicht, dass das andere Bedürfnis, das Streben nach Autonomie, nach Macht, Unabhängigkeit, Beherrschung des Lebensumfeldes und Leistung, etwas Schlechtes ist. Diese einseitige Befriedigung des Bedürfnisses kann kurzfristig zu Erfolgen führen und Ziele erreichbar werden lassen. Aber die Menge macht das Gift. Beide, die autonomen wie auch die sozialen Bestrebungen sind im Menschen verhaltensbiologisch fest verankert und so wichtig in der Gestaltung der eigenen Identität und der Sinnstiftung im Leben. Sie streben in einer normalen, ausgeglichenen Umwelt nach einer individuellen Balance. 

In den toxischen Umfeldern einer leistungsorientierten Umwelt, wo der Mensch funktionieren muss, man ständig auf der Hut vor Konkurrenten sein muss und die Suche nach Freundlichkeit, Zuwendung, Anerkennung, Kooperation und Vertrauen als Schwäche ausgelegt und nicht selten als Ansatzpunkt für Ausnutzung und Ausbeutung verstanden wird („Der nette Trottel vom Marketing macht echt alles.“), zeigen sich alsbald Ausfallserscheinungen.

Soziale Nähe ist überlebenswichtig

Und auch die vermeintlich Starken und Harten im Geschäft sind davon betroffen. Denn die regulatorische Dialogfunktion unseres geistigen und körperlichen Gesamtsystems verzeiht auf längere Sicht kein Ungleichgewicht der autonomen und sozialen, kooperativen Bedürfnisse. Egal ob in Firma oder Familie. Und dann entsteht das, was man somatische Reaktion nennt. Zum Beispiel ein Herzinfarkt.

Charles Darwin sagte einmal: „Jedermann wird zugestehen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Wir sehen es in seiner Abneigung gegen Einsamkeit sowie seinem Wunsch nach Gesellschaft über den Rahmen seiner Familie hinaus.“

Genau das ist für den Menschen überlebenswichtig.

Auch wenn dieses Wissen wie eine zarte Pflanze im Bewusstsein einer wenigen Verantwortlichen gedeiht, die Gefahr, dass dieses sich nicht vermehren darf, ist immer noch groß. Denn was Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte lang als Mindset in unseren Köpfen, in unserem Bildungs- und Wirtschaftssystem installiert wurde, ist nicht so einfach zu deinstallieren. 

Wir werden noch eine Weile Beharrlichkeit und Optimismus benötigen.

Karl Michael Schölz